Einen Americano, bitte!

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Autorin: Magdalena Wahl, Austauschstudentin in Seoul, Südkorea

Greenpeace Ortsgruppe Ingolstadt

Südkorea. Wenn man an dieses Land in Ostasien denk, ist das erste was einem in den Sinn kommt nicht gerade Plastik, Müll oder Recycling. Viel eher denkt man an den immer noch bestehenden Konflikt mit Nordkorea, die gegenseitigen Provokationen der verfeindeten Nationen oder an die koreanische Küche mit Kimchi, Bibimbab und Bulgogi. Und doch: vom ersten Moment an wurde ich während meinem Auslandssemester in Seoul ab August 2015 mit dem Thema Plastik und Recycling konfrontiert.

Americano – Nationalgetränk im Plastikkleid

Das erste was mir in der Millionenstadt und Hauptstadt Südkoreas auffiel, war die ausgeprägte Vorliebe der Koreaner für Kaffee. An jeder Straßenecke finden sich mindestens zwei unterschiedliche Cafés und das absolute Lieblingsgetränk der Seouler ist „Americano“, eisgekühlter Espresso verdünnt mit Wasser und Sirup. Serviert wird das heiß begehrte Getränk – ob „to go“ oder „to stay“ – in Plastikbechern mit Plastikstrohhalm und Plastikdeckel. Für sich genommen klingt das nicht dramatisch, doch bedenkt man, dass jeder berufstätige Seouler am Tag mindestens einen Americano trinkt, so kommt man bei einer Bevölkerung von 11 Millionen Einwohnern im Stadtgebiet ebenfalls auf mehrere Millionen Becher pro Tag. Seoul müsste demnach regelrecht im Plastik versinken!

Dazu kommt, dass auch bei anderen Lebensmitteln im Supermarkt, beim Bäcker oder am Obststand auf dem Markt eine Menge Plastik zu finden ist: Beim Becker wird zuerst jedes Gebäckstück einzeln in ein Tütchen gepackt und anschließend in eine große Plastiktüte gegeben, in den meisten Kekspackungen sind die 20 enthaltenen Kekse einzeln in Plastik verpackt und die Lieblingssnacks der Koreaner – Gimbab und Ramyeon – sind ebenfalls einzeln und 1000-fach in Plastik gepackt. Wo ich auch hinsah in den ersten Wochen: Plastik begegnete mir überall.

Mülltrennung – Recycling als Trend, Upcycling als Zukunft

Deshalb erschien es mir umso paradoxer als ich erfuhr, wie penibel und exakt wir in unserem Wohnheim den Müll trennen sollten. In mindestens 5 verschiedene Behälter für Plastik, Papier und Glasflaschen sollten die ca. 900 Bewohner ihren Abfall sortieren. Zudem gab es spezielle Plastiktüten, in die der Restmüll gefüllt wurde. Das Sortieren erfolgte unter der stickten Aufsicht eines Wohnheimangestellten.

Tatsächlich ist Recycling in Südkorea spätestens seit 1992 im Fokus des Umweltministeriums (siehe Bild 2 und 3) und somit politisch, wie auch wirtschaftlich, relevant geworden. Während aufgrund des wirtschaftlichen Booms des Landes in den vergangenen 30 bis 40 Jahren die Masse an industriellem und Alltagsmüll stetig steigt, erhöht sich zeitgleich auch der Anteil des recycelten Abfalls. Südkoreas Handhabung der wachsenden Müllberge verschob sich also von der reinen Deponierung auf Müllhalden oder der Entsorgung ins Meer (vor allem von landwirtschaftlichen Abfallprodukten) hin zu einer Recyclingindustrie und ist im Moment dabei mit vielen Industrie- und Start-Up-Unternehmen in das „upcycling“-Geschäft einzusteigen.

Das zu erfahren, hat mich – bei all dem Plastik, das mir hier täglich begegnete – sehr erstaunt und auch beruhigt. Und doch: die beste und nachhaltigste Lösung des Müllproblems wäre wohl eine Reduktion des Verbrauchs. Einen guten Startpunkt bietet in Seoul sicher der Kaffeebecher! Mich persönlich haben meine Erfahrungen mit den Plastikbergen hier zudem noch mehr angespornt auf Alternativen zum „Gold der Moderne“ umzusteigen.

Weitere Informationen gibt es u.a. auf den Websiten des Korea Herald (Tageszeitung) oder des Umweltministeriums: http://www.koreaherald.com/, http://eng.me.go.kr/eng/web/main.do.

 

Quellen:

Residencial and Business Waste Generation Trend http://eng.me.go.kr/eng/web/index.do?menuId=395&findDepth=1

Recycling Process URL: http://www.koreaherald.com/view.php?ud=20151030000912